Auf sagenumwobenen Wegen
zum Mittelpunkt Europas

Selbstgeführte Wanderung – auf etwas anspruchsvollerer Strecke


KENNZEICHNUNG:
hellgrüner Punkt

STRECKENVERLAUF:
Neualbenreuth – Grenzlandturm – Königsstein – Granatbrunnen – Mittelpunkt Europas – Neualbenreuth

DAUER / LÄNGE:
etwa 4 Stunden; ca. 12 km; Höhenunterschied ca. 270 m


Die Wanderung beginnt am Marktplatz in Neualbenreuth. Entlang der Turmstraße führt Sie der Weg vorbei an liebevoll restaurierten Egerländer Fachwerkhöfen. Diese Gehöfte bestehen aus dem Wohnstallhaus und drei Wirtschaftsgebäuden und zeugen von hoher Zimmermannskunst. Die Balken bzw. die Gefache wurden nach strengen Gesetzen angeordnet. Germanische Zeichen sollen Glück bringen und böse Geister abhalten. Holzkreuze an der Giebelseite sollten alles Böse von der Familie fernhalten.

Am dem kleinen Teich am Ende des Dorfes halten Sie sich rechts, der Turmstraße folgend. Nach einem kurzen Anstieg kommen Sie zur Kapelle „Maria Frieden“, die den Friedensge danken in unmittelbarer Grenznähe ausdrückt. Daneben sehen Sie einen Gedenkstein der Egerländer mit der Inschrift „Unseren Toten zum Gedächtnis, den Lebenden zur Mahnung“.

Der Grenzlandturm
Der Grenzlandturm

Nach einigen Metern stehen Sie vor dem 1961 errichteten Grenzlandturm, der zum Symbol für Freiheit und Heimattreue wurde und die Verbundenheit mit den Landsleuten aus dem Egerland ausdrückt. Über lange Jahre war der Grenzlandturm für die Egerländer die einzige Möglichkeit einen Blick in ihre Heimat zu werfen.

Sie folgen der Straße bis zur Kreuzung und wenden sich nach dem kleinen Wäldchen nach links (Wegweiser „Zum Mittelpunkt Europas“). Vor sich sehen Sie die Erhebung des Tillenberges mit der ehemaligen Radarstation auf seinem Gipfel und links unterhalb des Kammes eine ehemalige Kaserne der Grenztruppen. Die Wanderung führt über einen Feldweg hinunter zur Teerstraße, der Sie nach links folgen.

Nach etwa 500 m biegen Sie nach links von der Teerstraße in den Wald ab und folgen dem Schild „Mittelpunkt Europas – Sauweg“. Der Weg durch den Wald führt Sie steil bergan. Die geheimnisumwitterte Atmosphäre lässt erahnen, warum gerade um den Tillen ein solch umfangreicher Sagenkranz überliefert ist.


Der Tillenschatz
Auf diesem Weg ging einmal an einem Karfreitag eine Bäuerin aus Neualbenreuth zu ihrem Patenkind nach Maiersgrün, um ihm eine Ostersemmel zu bringen.
Obwohl sie den Weg oft gegangen war, verirrte sich die Frau und fand sich in einem unterirdischen Saale wieder. Da lagen vor ihr alle Reichtümer dieser Welt: Gold- und Silbermünzen, Ringe, Arm- und Stirnreifen, ja selbst Kronen. Die Wände erstrahlten in seltsamen Lichtern, sodass die Frau im Wundersaal vor Erstaunen wie angewurzelt stehen blieb. Lange Zeit konnte sie keinen Ausweg finden. Endlich gelangte sie wieder ans Tageslicht.
Auf ihrem Weg nach Maiersgrün musste die Frau an die Worte ihrer Großmutter denken. Jene warnte vor dem großen Tillenschatze, denn wird von diesem ein Teil entfernt, so würde der Unsägliche von den Tillengeistern verfolgt. Glücklich die Prüfung bestanden zu haben, gelangte die Bäuerin endlich zu ihrem Patenkinde. Sie wurde mit großer Freude, aber mit Erstaunen begrüßt, denn seit sie Neualbenreuth verlassen hatte, war genau ein Jahr vergangen.
Die Ostersemmel aber war so frisch geblieben wie am ersten Tag.


Am Ende des Anstiegs treffen Sie auf die deutsch-tschechische Grenze, und nach weiteren 150 m sehen Sie rechts am Weg einen recht regelmäßigen Steinblock, den Königsstein.

Königstein - Breiter Stein - Napoleonstein
Königsstein – Breiter Stein – Napoleonstein

Der in 785 m Höhe ü.NN gelegene Königsstein, auch „Breiter Stein“ genannt, ist – geologisch gesehen – ein 350 Mio. Jahre alter Urgesteinsblock aus kambrischen Bänder- und Glimmerschiefern der Arzberger Serie. Durch seine Lage kam er aber schon früh zu einer wichtigen politischen Bedeutung. Er gilt als das älteste natürliche Grenzmal der Region. Schon seit der Grenzabmachung zwischen dem damaligen Nordgau und dem böhmischen Herzogtum im Jahr 1109 gilt er als unverrückbarer Grenzpunkt.

Inschriften am Königsstein:
1739: Ausweisung des Königssteins als Mittelpunkt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation unter Kaiser Karl IV.
18N13: Weiträumige strategische Vermessungsarbeiten französischer Ingenieursoffiziere
1844: Neue Festlegung des Grenz-verlaufs um Neualbenreuth im Zuge der Verhandlungen zum Wiener Vertrag
225: „Läufer Nr. 225“ von 239 Läufersteinen im Grenzgeschreibungswerk des Staatsvertrags zwischen Bayern und Böhmen – galt ab dann als Zeichen der Grenzhoheit
Kleeblatt: Rundkreuz oberhalb der 225, Deutung als Kleeblatt – Symbol der Kaiserin Maria Theresia
D und B: Deutschland und Bayern (an der senkrechten Fläche)
Pfeile: zeigen den weiteren Verlauf der Grenzlinie an

Der neutrale Grenzweg, dem Sie nun folgen, trägt den Namen Sauweg. Auf ihm sollen der Sage nach die Schweine zur Tillenstadt hinaufgetrieben worden sein. Tatsächlich handelt es sich aber um einen alten Schmugglerweg ins Böhmische hinein.

Sie wandern weiter und die sich auf dem Weg stauende Nässe weist Sie nach ca. 10 Minuten darauf hin, dass Sie sich dem Granatbrunnen nähern. Die Quelle befindet sich etwa 10 m unterhalb des Weges. Hier sollen einst Granate in solcher Menge gelegen haben, dass man eines Fuhrwerks bedurft hätte, um sie wegzubringen. Die Geschichte des Steinklopfers vom Granatbrunnen berichtet davon.


Steinklopfer vom Granatbrunnen
Ein reicher Italiener aus Venedig  kam vor vielen hundert Jahren auf den Tillen, um nach Edelsteinen zu suchen. Von Habgier erfüllt, hatte er bald einen großen Granatschatz beisammen. Deshalb sandte er seinen Diener zu Ostern nach Eger, um Reitpferde und Lasttiere zu holen. Der Venezianer selbst blieb im „Langen Stollen“ bei seinem Schatz zurück.
Wie nun am Ostersonntag die Neualbenreuther Glocken anfingen zu läuten, erbebte und erzitterte der Tillen. Der zurückgekehrte Diener fand den Stollen verschüttet und sein Herr war mitsamt dem Schatz im Berg verschwunden. Die Einheimischen waren überzeugt, dass die Habgier des Italieners das Missfallen der Tillengeister erregt hatte und der Schatz für immer im Innern des Berges bleiben sollte.
Wanderer, die um Mitternacht über den Tillen gehen, stoßen mitunter auf einen schwarzgekleideten Mann mit einem Spitzhut, wie ihn die Italiener früher zu tragen pflegten. Dieser Mann klettert geschäftig von Fels zu Fels und hämmert Granate aus dem Gestein. Hat er seine Taschen voll, hastet er zum Granatbrunnen, wo er die Steinchen einzeln hineinwirft. Anschließend beginnt er seine Arbeit von neuem, bis zum ersten Hahnenschrei in der Früh.
Als „Steinklopfer“ muss er so lange Granate sammeln und in den Brunnen werfen, bis er keine Edelsteine mehr auf dem Tillen findet, und somit erlöst ist. Seither aber haben die Granate ihren rubinroten Glanz verloren.


Mittelpunkt Europas
Mittelpunkt Europas

Sie wandern auf dem Grenzweg weiter. Nur kurz nach dem Granatbrunnen erreichen Sie den Stein „Mittelpunkt Europas“. Der Originalstein stammte aus dem Jahr 1865 und war von einem österreichischen Landvermesser der k.u.k. Monarchie auf dem Gipfel des Tillenberges als trigonometrischer Fixpunkt 
1. Ordnung errichtet worden. Neben seiner primären Funktion als wichtiger Vermessungspunkt entwickelte sich der Stein vor dem 2. Weltkrieg, zusammen mit dem 1926 errichteten Tillenschutzhaus, zu einem beliebten Ausflugsziel für Wanderer von diesseits und jenseits der Grenze. Mit der Zeit kam der Stein so zu seiner Symbolkraft als Mittelpunkt Europas. Exakte rechnerische, und vermessungstechnisch haltbare Aussagen können dies jedoch nicht bestätigen. Die geschichtlichen Zusammenhänge sind wohl entscheidend dafür, dass der Tillenberg bis in die heutige Zeit, das Attribut „Mittelpunkt Europas“ beibehalten hat. Er wurde errichtet im Egerland, also im Schnittbereich des östlichen und des westlichen Kulturkreises des gesamten mitteleuropäischen Raumes. Nach dem 2. Weltkrieg war der verbindende Charakter des Steins aktueller denn je.

Da sich auf dem Tillengipfel ein militärisches Sperrgebiet befand und über den Verbleib des Originalsteins nichts bekannt ist, beschloss der Marktrat von Neualbenreuth am 21.05.1985 die Errichtung eines Nachfolgesteins. Dieser sollte in Aussehen und in seinem Standort dem alten möglichst nahe kommen. So stellte man im August 1985 auf dem höchstgelegenen Punkt auf bayerischer Seite (802 m ü.NN) diesen Stein auf. Es handelt sich um einen 17 Zentner schweren Granitstein aus Flossenbürger Granit, den der Tirschenreuther Steinmetzmeister Rudolf Strötz auf die Maße 47 x 44 x 135 cm zugehauen hat.

Der Stein trägt folgende Inschriften:
C.R. OPER/ASTR TRIG/PRO/MED EUROP/1865: k.u.k. astronomisch-trigonometrische Operation für die Mitteleuropäische Gradmessung 1865
1284: erstmalige urkundliche Erwähnung von Neualbenreuth
1985: Errichtungsjahr
Wappen von Neualbenreuth und Eger: als geschichtlich eng verwachsene Orte
1591: Fraischrezess
1862: Wiener Vertrag

Eine Europaspinne neben dem Mittelpunktstein macht die zentrale Lage des Tillenberges deutlich.

Vom Mittelpunktstein aus setzen Sie den Weg entlang der Grenze fort. Sie folgen der Markierung, der Weg führt steil über die Westabhänge des Tillenberges hinunter. Sie gelangen auf einen asphaltierten Weg, dem Sie kurz folgen, bevor Sie wieder auf einen schönen Waldweg gelangen. Auch in diesem Gebiet befinden sich Reste von Kohlenmeilern.

Sie verlassen den Wald, laufen an Feldern und Wiesen bergan und gelangen zur Schönstatt- Kapelle. Von hier haben Sie noch einmal einen umfassenden Rundblick. Hinter Ihnen liegen der Tillen- und der Schopfberg mit den weiten Wäldern und sanften Erhebungen des Oberpfälzer Waldes und vor Ihnen, eingebettet in eine Senke, der Markt Neualbenreuth.

An der Kapelle wenden Sie sich nach links, Ihr Weg führt Sie zurück in den Ort.


Untergang der Tillenstadt
So soll sich auf dem Tillen vor langer Zeit eine mächtige Stadt befunden haben, deren Gassen den ganzen Berg überzogen. Die Bürger dieser reichen Stadt gingen in Samt und Seide gekleidet und schritten auf Wegen, die mit Granaten gepflastert waren zur Kirche. Aber je reicher die Stadt wurde, umso bedenklicher mehrte sich der sittliche Morast; denn an den Reichtümern, die sie dem Berginneren abgerungen hatten, haftete der Fluch unterirdischer Mächte. Die Tillenstädter verfielen immer mehr der Verweichlichung und Wollust. Geiz und Habsucht paarten sich bei ihnen mit List, Betrug, Raub- und Mordgier und die schlemmenden Reichen quälten ihre Untergebenen grausam und herzlos. Die Flüche der Unterdrückten wurden immer lauter und Unheil braute sich über der Stadt zusammen.
Die Zufahrt zur Stadt wurde immer beschwerlicher, da die habgierigen und geizigen Tillenstädter für die Wege und Straßen außerhalb der Stadt nichts taten. Die Kutscher und Fuhrleute jammerten über steckengebliebene Wagen, über Räderbrüche und durch Sturz verendete Tiere.
Wieder fuhr eines Tages ein schweres Gefährt der Tillenstadt zu. Dem mürrischen Fuhrmann glänzten schon die prächtigen Zinnen der Stadt entgegen, aber je näher er dem Ziel kam, desto länger schien der Weg. Außerdem wurde es immer beschwerlicher und steiler. Der Ungeduldige schlug auf die keuchenden und erschöpften Pferde ein und trieb sie unter Flüchen an, bis der Wagen zusammenkrachte und die ganze kostbare Ladung den Berg hinab rollte. Einen Augenblick nur war der Fuhrmann still, dann aber ballte er die Fäuste gegen die Tillenstadt und verfluchte sie.
Kaum waren seine Worte verhallt, als ein Donnerschlag erdröhnte und ein fürchterliches Gewitter losbrach. Als es sich verzogen hatte, war die stolze Tillenstadt in der Tiefe des Berges verschwunden.
Eine andere legendäre Gestalt des Stiftlandes und Namensgeberin des Sibyllenbades, die Seherin Sibylla Weis, prophezeite dazu folgendes: Die Egerstadt wird untergehn, die Tillenstadt wird auferstehn!“


Flyer herunterladen:

  Auf sagenumwobenen Wegen zum Mittelpunkt Europas (1,9 MiB, 360 hits)

 

 

© Marktgemeinde Neualbenreuth; Änderungen vorbehalten; 
Stand: August 2015

 

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